Kelly Holland: Regisseurin und Chefin der Penthouse Studios

Kelly Holland ist schon seit geraumer Zeit ein gewichtiger Name in der amerikanischen Adult Branche und das gleich aus mehreren Gründen. Allerdings ist Kelly Holland unter ihrem richtigen Namen wohl mehr den Brancheninsidern als den Fans bekannt. Dies beruht nicht zuletzt auf ihrer langjährigen Arbeit hinter der Kamera.
Doch umso bekannter dürfte den Fans ihr Pseudonym Toni English sein, unter dem sie von 1994 bis 2008 an die 150 Pornofilme inszenierte. In diesem Zeitraum drehte sie ausschließlich für renommierte US-Companies wie Adam & Eve, Wicked Pictures, Vivid und Jill Kelly Productions.

Penthouse LogoUnter ihrem echten Namen führte Kelly Holland seit 2006 bei inzwischen mehr als 50 Filmen von Penthouse Regie, was zu ihrer heutigen Position überleitet: Die frühere Dokumentarfilmerin ist nämlich schon seit einiger Zeit als Präsidentin der Penthouse Studios tätig.
Umso mehr freute es mich, dass Kelly Holland trotz ihres mehr als vollen Terminplans die Zeit für ein persönliches Gespräch fand. Dieses erwies sich als äußerst interessant und aufschlussreich, was sich in folgendem Interview widerspiegelt, welches wir im Anschluss auf der diesjährigen Venus in Berlin führten.

Kelly Holland: Vom Dokumentarfilm zum Pornofilm


Hallo Kelly! Es freut mich Dich hier in Berlin wiederzutreffen. Da viele Fans Dich und Deine Filme wohl eher unter dem Pseudonym Toni English kennen, würde ich zuerst gerne wissen, wie Du überhaupt als Dokumentarfilmerin zum Pornofilm gekommen bist?

Es stimmt tatsächlich, dass ich früher Dokumentarfilme gemacht habe. Ich habe 1985 angefangen und über sechs Jahre überwiegend in Mittelamerika gedreht. Inhaltlich ging es meistens um die Bürgerkriege und politische Lage in Ländern wie El Salvador, Nicaragua und Guatemala. Nachdem sich dort aufgrund der Friedensabkommen Anfang der 90er Jahre die Situation beruhigte, beschloss ich in die USA zurückzukehren.
Dort angekommen wendete ich mich thematisch der sozialen Frage in den Staaten zu. Ich liebte meine Arbeit, aber es zeichnete sich ab, dass es zunehmend schwieriger wurde, davon auch leben zu können. Vor allem, da ich damals auch noch ein eigenes Studio für die Post Production hatte.
Wie es der Zufall wollte, mietete damals Vivid einen Schnittplatz an. Im weiteren führte dies zu einer Unterhaltung mit Marci Hirsch, der verantwortlichen Produktionsleiterin. Wenn ich mich recht erinnere, kritisierte ich direkt in einem unserer ersten Gespräche einen Film von Vivid. Sie erwiderte mir kurzerhand, wenn ich angeblich soviel über das Filmemachen wüsste, sollte ich am besten doch einmal selbst bei einem ihrer Filme die Regie übernehmen. Ich sagte nur noch okay und rannte sofort aus der Firma, um mir einen Porno auszuleihen. Denn ehrlich gesagt hatte ich noch keinen Einzigen zuvor gesehen und zerlegte das Werk hinsichtlich seiner Machart nach allen Gesichtspunkten. Zu meinem Glück erwischte ich mit “Sin City: The Movie” zugleich noch ein gut gemachten Film.

Kelly Holland BildImmerhin scheinst Du alles richtig gemacht zu haben, da Du im Anschluss direkt einen Exklusiv-Vertrag von Vivid erhalten hast. Kannst Du Dich noch an die Dreharbeiten zu Deinem ersten Film 1994 erinnern und was Vivid zu dem Exklusiv-Angebot veranlasste?

Ich war damals wirklich sehr, sehr glücklich mit zwei außergewöhnlichen Darstellerinnen zusammenarbeiten zu können: Janine Lindemulder und Julia Ann. Sie waren damals zwei der größten Stars und hatten eine Tanznummer namens “Blondage”. So führte weniger mein Talent beim gleichnamigen Film “Blondage” dazu, dass es dennoch ein großer Erfolg wurde. Glücklicherweise dachte Steven Hirsch anders über meinen Anteil an dem Erfolg des Films. Wie dem auch sei, es folgte der Vertrag und 7 Jahre Arbeit bei Vivid, die ich als mein Studium mit Doktorarbeit in der Adult Industrie bezeichnen würde. Wobei ich mit Marci und Steven zugleich auch noch großartige Lehrer hatte.

Im Gegensatz zu heute gab es Mitte der 90ziger Jahre noch kaum Frauen hinter der Kamera. Was waren Deine Erfahrungen damals und was hat sich für Regisseurinnen wie Produzentinnen seitdem verändert?

Als ich angefangen habe, war meines Wissens nach, Candida Royalle wohl die einzige andere Regisseurin, die schon in diesem Business gearbeitet hat. Ich bin mir nicht sicher, ob damals schon viele Fans wussten, dass ich eine Frau bin. Ich war eine Frau, die Pornofilme für ein männliches Publikum inszenierte oder im besten Fall für Paare. Ich hatte früher einige geschlechtsspezifische Vorurteile und muss sagen, dass meine ersten Arbeiten nicht gerade aus meinem vollen Herzen als Frau entstanden ist. Vielmehr standen für mich die künstlerischen Aspekte im Mittelpunkt meiner Arbeit als Filmemacherin und Kamerafrau.
Auf heute bezogen, würde ich sagen, dass ein Viertel der Regisseure in der Adult Branche Frauen sind, welche die unterschiedlichsten Filme machen. Diese sind sowohl aus einer generell anderen Perspektive inszeniert, wie auch aus ihrer eigenen Sichtweise, die unter anderem vielfach davon geprägt ist, wie alt sie sind und was sie an Lebenserfahrung mit einbringen.

In Verbindung mit der Frage zuvor würde ich gerne noch von Dir wissen, wie Du die Entwicklung hinsichtlich der Situation im Fall der Darsteller siehst? Haben sich die Arbeitsbedingungen verbessert oder würdest Du sagen, dass es für die Frauen (egal ob vor oder hinter der Kamera) im vielfach gerühmten “Golden Age of Porn” besser war?

Das Leben sieht mit Abstand oder in der Retrospektive betrachtet meistens immer besser aus. Die älteren Kollegen und Menschen im Business werden in Gesprächen über das “Golden Age of Porn” immer wieder sagen, wie wundervoll es doch damals alles war. Aber es war in der Vergangenheit auch noch illegal. Es gibt so viele Anekdoten, wie zum Beispiel von Polizei-Razzien an Drehorten. Diese sind durch die Vordertür reingekommen, während die Darstellerinnen durch das Badezimmer hinten rausklettern, um nicht erwischt zu werden.
Ich denke, es war eine andere Zeit. Eine Zeit der größeren Budgets für Filme und vielleicht auch größerer Ambitionen. Wie dem auch sei, damals wie heute hängen die Bedingungen für Darsteller, Männer wie Frauen, ganz besonders vom jeweils gewählten Set und speziellen Umgebung ab.
Ich scheue mich nach wie vor nicht darauf hinzuweisen, dass es in Teilen unseres Business nach wie vor ein gewisses Maß an Frauenfeindlichkeit gibt. Und es gibt nach wie vor Produktionen, die mit ihren männlichen wie weiblichen Darstellern alles andere als respektvoll umgehen. Ich kann hier nur für mich sprechen und sagen, dass es so was bei meinen Dreharbeiten garantiert nicht gibt. Das ist alles, was ich jetzt dazu sagen kann. Bei unseren Dreharbeiten haben wir vollstes Verständnis dafür, dass sich alle Darsteller in einem sehr verletzbaren Zustand befinden, sowohl in emotionaler wie auch physischer Hinsicht. Ich weiß jedoch aus meinen Jahren als Schauspielerin im Mainstream-Bereich, dass man im Allgemeinen die besten Darbietungen erhält, wenn man eine unterstützende, sichere Umgebung für die Darsteller schafft. Dies ist stets eines der wichtigsten Elemente an unseren Sets.

Du erwähntest gerade, dass Du als Schauspielerin gearbeitet hast. Wann und nur im Mainstream, oder?

Ich bin damals von Texas nach Kalifornien gezogen, um als Schauspielerin zu arbeiten. Und um Deine Frage gleich zu beantworten, ja als Mainstream-Schauspielerin. Ich habe Schauspielunterricht an der “American Academy of Dramatic Arts” genommen, bei der sich um die älteste Schauspielschule der USA handelt. Ich habe danach tatsächlich sechs Jahre als Schauspielerin gearbeitet, bevor ich mich zu politischen Dokumentationen hingezogen fühlte. Ich denke aber, dass ich mich durch meinen Hintergrund als Schauspielerin mit enormer Empathie in die Darsteller hinein versetzen kann. Alle Darsteller, egal ob nun Mainstream oder Adult, tragen ihre Seele offen zur Schau, und manchmal auch ihre Körper, was sie in einer sehr verletzbare Position bringt. Hier ist es Teil unserer Pflicht und Verantwortung dies nicht nur zu respektieren, sondern sie auch zu schützen. Ich denke, dass vielleicht gerade dieses Verständnis mich auch zu einer guten Regisseurin und Produzentin macht.

Hast Du so was wie Lieblingsdarsteller/-innen, mit denen Du besonders gerne zusammenarbeitest?

Hey, die Frage ist absolut nicht fair. Darsteller und Darstellerinnen sind wie Geliebte. Jeder von ihnen ist dein Favorit, wenn Du mit ihnen zusammenarbeitest und daher würde eine mögliche Liste bei mir viel zu lang werden.

Kelly Holland FotoOkay, dann kommen wir zu einer fairen Frage. Du hast weit mehr als 200 Filme gemacht. Welcher darunter zählt zu Deinen persönlichen Favoriten und warum?

Ich liebe einen sehr frühen 16mm Film von mir, der den Titel “Girl With The Heart Shaped Tattoo” trägt. Ich habe die Arbeit an diesem Film sehr geliebt und zu Anfang meiner Karriere habe ich noch viele 16mm Filme gedreht.
“Out of Control” ist einer der Favoriten, was meine Arbeiten bei Penthouse betrifft. Es handelt von einem Thema, dass ich immer wieder gerne aufgreife und neu interpretiere. Dabei dreht sich alles um das Kennenlernen und Entdecken eines Charakters. Insbesondere, wenn man das gehemmte und kontrollierte Selbst verliert und sicher außerhalb der vertrauten Umgebung wiederfindet: Die Ereignisse gewinnen dann eine Eigendynamik, die zu den unterschiedlichsten neuen Situationen führen können.

Welche Art von Pornofilm drehst Du selbst am liebsten? Glamouröse Features oder lieber harte Gonzofilme?

Ich würde sagen, am liebsten ist mir der Mix daraus. Also, glamouröse, aber harte Features.

In puncto Mix möchte ich da noch mal kurz auf den Punkt mit Deinem Namen bzw. Pseudonym zurückkommen. Stimmt es, dass alle Penthouse Filme unter dem Namen Kelly Holland erschienen sind und alles weitere unter Deinem inzwischen aufgegebenen Pseudonym Toni English?

Nein, ich habe den Namen Toni English zu Beginn meiner Karriere verwendet, da ich mir keineswegs sicher war, ob und erst recht nicht wie lange überhaupt ich in der Branche bleiben würde. Ich war mir auch nicht sicher, welches Auswirkungen es haben würde, wenn ich meinen richtigen Namen verwende. Ehrlich gesagt waren Pseudonyme zum damaligen Zeitpunkt auch ein Standard in der Branche.
Das Ganze ändert sich vor sechs Jahren als ich Produktionsleiterin und Sprecherin von Playgirl TV wurde. Ich fühlte, dass ich damit eine großartige Verbindung zwischen meiner politischen und jetzigen Arbeit gefunden hätte. Ich hatte eine Botschaft und die war einfach gesagt eine feministische: mein Körper, meine Regeln”. Frauen sollten ihre eigene Sexualität leben und sich nicht mehr für alles entschuldigen. Nun, da das fortan meine Botschaft war, konnte ich mich schwerlich selbst unter einem anderen Namen verstecken.

Damit wären wir schon bei einer meiner nächsten Fragen: wie und was Dich von Vivid und anderen Firmen zu Playgirl TV führte?

Nach meiner Zeit bei Vivid habe ich bei Adam & Eve gearbeitet, wo ich die tolle Gelegenheit erhielt, eine langfristig konzipierte Serie namens “Naked Hollywood” zu übernehmen. Man könnte es am ehesten mit “Sex in the City” vergleichen, nur dass es sich bei der Stadt um LA handelt. Dann habe ich einiges für Wicked gemacht und dann kam Playgirl. Playgirl war für ein “Coming Home” Erlebnis. Ich fühlte, dass alles in meiner bisherigen Karriere darauf hinausgelaufen ist. Seit Jahren betrachten nicht wenige Firmen den sogenannten Markt für Frauen. Ich habe in den verschiedensten Diskussionen gesessen und bin in unzähligen Interviews das Gleiche gefragt worden: Ist da wirklich ein Markt, wo ist er, wie sieht er aus, etc. Als ich bei Playgirl ankam, hatten sie bereits das feste Ziel diesen Markt zu entdecken und zu erschließen. Unglücklicherweise merkte ich, und das ist immer noch meine Ansicht dazu, dass dieser Fokus irgendwo und irgendwann in der Umsetzung verloren ging. Jedes Mal, wenn eine Firma jetzt einen neuen Versuch startet, diesen großen und mit Mythen umrankten Markt für Frauen neu zu erschließen, versagt sie letztendlich. Als Ergebnis verbleibt jedes Mal die Einschätzung, dass es diesen Markt real nicht gibt. Die richtige Analyse ist jedoch, dass der Markt sehr wohl existiert, sehr lebendig und gesund ist, sich der Sexualität bewusst ist und noch mehr dazu bereit ist, dafür Geld auszugeben. Die Menschen und in diesem Fall Frauen wissen was sie wollen, nur gelingt es den Firmen nicht dies umsetzen.

Aber zwischen Playgirl und Penthouse hast Du doch noch mal eine eigene Firma namens Chick Media gegründet … Was war der Grund den Job bei Playgirl aufzugeben?

Die Zeit, die ich bei Playgirl hatte, war eine wunderbare Erfahrung. Unglücklicherweise machten sie in einer kritischen Phase eine Pause und vertrauten nicht mehr auf den Markt, den schon erwähnten Markt für Frauen, den sie erobern wollten. Den Markt gibt es bis zum heutigen Tage und er ist immer noch unterversorgt und vollkommen unterschätzt.
In meinem Hochmut kündigte ich und entschied mich dafür, dass ich selbst besser könnte und wüsste. Ich werde sicher irgendwann Chick Media weiterentwickeln, aber inzwischen hat sich der Business-Plan geändert und ist ausgelaufen.

Penthouse Letters DVD CoverJedenfalls warst Du mit Chick Media und der Serie “My Sex Therapist” sehr erfolgreich. Neben positiven Kritiken wurdest Du 2008 mit dem “Feminist Porn Award” ausgezeichnet. Ich habe die Serie zwar gesehen, da sie mittlerweile über a2z Services in Deutschland erhältlich ist. Aber vielleicht kannst Du am besten noch mal kurz selbst erklären, um was es in der Serie geht und wodurch sich die Chick Media Produktionen von anderen unterscheiden?

Die Produktionen von Chick Media waren von vornherein für Paare gedacht. Die Geschichten basieren auf echten Fällen von Sextherapisten. Es werden reale Situationen und sexuelle Probleme in einer Beziehung gezeigt. Zum Beispiel, dass der Partner Fuß-Fetischist ist und die Frau nicht weiß, ob es krankhaft ist oder wie sie damit umgehen soll. Ein anderes, klassisches Beispiel dreht sich um den Oralsex. In diesem Fall steht aber die Frau drauf und der Mann nicht und wie sie sein Interesse für diese Praktik wecken kann. Dies sind alles Fragen, die Frauen mit ihren Therapeuten besprechen oder vermutlich noch mehr mit ihrem Partner diskutieren. Davon abgesehen bilden diese Fälle und Probleme oft eine tolle Grundlage für einige sehr heiße Geschichten.

Würdest Du sagen, dass die Filme ausschließlich Paare ansprechen? Was ich gesehen habe, war dermaßen gut gemacht, dass ich mich gar nicht auf eine bestimmte Zielgruppe beschränken würde …

Dazu kann ich nur zwei Sachen sagen: Das eine ist, dass Männer offensichtlich ab der Pubertät von der Frage besessen sind, was Frauen wollen. Chick Media hat eine lange Entwicklung hinter sich, um diese Frage zu beantworten. Und das Zweite ist, dass – obwohl ich diese Filme in erster Linie für Frauen und Paare gedreht habe – die Frauen wunderschön sind und der Sex heiß ist. Das bedeutet am Ende wohl, dass die Filme auch Männer ansprechen, was Du ja insofern bestätigst.

Danke, aber da Du ja nun schon seit einiger Zeit bei Penthouse bist, würde ich gerne noch wissen, was aus Chick Media geworden ist?

Chick Media lebt und wir planen durchaus ein neues Konzept für die Zukunft, welches sich mehr auf den Mainstream konzentriert und seine Botschaft mehr über das Fernsehen und soziale Netzwerke verbreitet. Hardcore-Content zählt dabei nicht mehr länger zum Kern-Geschäft von Chick Media. Ich denke da gibt es mittlerweile andere Firmen, die diese Themen und Stil aufgreifen. Derzeit entwickle ich eine Reality-TV Serie, die unter dem Titel “The Sexperts” dort weitermacht, wo die “My Sex Therapist” Serie auf DVD aufhörte.

Damit sind wir dann wohl beim vorerst letzten Punkt in Deiner bisherigen Karriere angekommen und das ist schlicht und ergreifend Penthouse. Wie bist Du zu Penthouse gekommen?

Penthouse ist eine ikonische Marke mit einem Vermächtnis, das seit 40 Jahren Erotik definiert. Unter der Federführung von Marc Bell, einem der Besitzer von Penthouse, sowie dem leitenden Geschäftsführer Anthony Previte, wurde mir die Stelle als Produktionsleiterin angeboten. Zu dem Zeitpunkt hatten Marc Bell und sein Partner Dan Staton Penthouse gerade erst gekauft. Mit dem Kauf wollten sie zugleich ein High Quality Programm in HD produzieren. Ich stellte also ein Produktionsteam zusammen und wir begannen Premium HD Content zu produzieren. Und das in einer Zeit, als jeder dachte, die Industrie rast auf ihren Untergang zu. Es war ein kalkuliertes Risiko, das sich am Ende für uns ausgezahlt hat.
Im letzten Jahr haben wir den ersten und bis jetzt immer noch einzigen High Definition Adult TV Channel in Europa gestartet. Des weiteren werden wir in unserem Bestreben, immer die neusten Technologien einzusetzen, nicht nachlassen und bereits im Frühjahr 2011 einen 3D Channel auf den Markt bringen.

Da würde ich gerne gleich noch mal drauf zurückkommen, aber kannst Du uns noch kurz erläutern, was genau Du bei Penthouse alles machst?

My Sex Therapist DVD CoverAlso, in den ersten beiden Jahren war ich wie gesagt als Produktionsleiterin tätig und verantwortlich. Das war insofern bedeutend, da man mir die absolute Freiheit gab, einen neuen Look bei Penthouse zu erschaffen und zugleich den Stil zu definieren. Das ist ein kreativer Luxus, der nur wenigen Produzenten jemals gewährt wird. Aber dann noch bei einer Marke, mit der Geschichte und dem Umfang wie es Penthouse nun mal besitzt, war eine echte Ehre für mich. Vor zwei Jahren bin dann zur Präsidentin des Studios ernannt worden. Im Rahmen dieser Stellung hat sich mein Arbeitsbereich nun mehr auf die Kunst des Verhandelns und abschließen von Deals verschoben. Allerdings sehe ich das keineswegs als weniger kunstvoll an wie den Versuch einen Film zu machen. Derzeit liegt ein weiterer Schwerpunkt meiner Tätigkeit darin die Marke mit ihren Kanälen und Sendern global aufzustellen. Irgendwie liegt darin auch eine ausgleichende Gerechtigkeit für mich.

Was sind Deine Pläne für die Zukunft und gibt es was Besonderes hier auf der Venus zu verkünden? Du erwähntest ja schon das Trend-Thema 3D …

Ja, wie gesagt, wir produzieren derzeit sogar schon in 3D für einen eigenen Kanal, der im Frühjahr starten soll. Wir haben talentierte Crews zusammengestellt, die schon seit einigen Monaten mit der 3D Technik arbeiten und trainieren. Wir fühlen uns daher sicher auch in diesem neuen Bereich dieselben Qualitätsstandards gewährleisten zu können, die wir im HD-Bereich bieten. Nur, dass es diesmal noch um den aufregenden Faktor 3D erweitert wird.
Die größte Herausforderung besteht allerdings darin, das eigentliche Erlebnis nicht durch den Einsatz der Technik zu überfrachten. Es gibt da diese alte Weisheit im Filmgeschäft, das man den Zuschauer nie die Tricks und Effekte zu offensichtlich sehen lassen sollte. Egal, in welchem Genre, wenn der Zuschauer zum Beispiel die Seile oder Drähte sieht, mit denen ein Schauspieler in einer Actionszene bewegt wird, ist die ganze Mühe umsonst und der Effekt ruiniert. Dies zu vermeiden hat bei uns höchste Priorität und das bei allem was wir machen und das gilt erst recht für 3D.
Daher war es unvermeidlich auf der Venus in diesem Jahr vertreten zu sein. Mit der europäischen Markteinführung von 3 HD-Kanälen im Jahr 2009 und dem anhaltenden großen Erfolg konzentrieren wir uns nun darauf das Angebot sensibel auf verschiedene Geschmäcker und Vorlieben auszurichten.

Wo wir gerade über Trends und Entwicklungen sprechen, bin ich schon seit Längerem verwundert, das Penthouse zu den wenigen Firmen zählt, die keine Parodien produziert. Habt Ihr den Erfolg der Parodien unterschätzt oder mögen Penthouse Zuschauer keine Parodien?

Uugh, musstet Du mich jetzt darauf ansprechen? Es war eine grobe Fehleinschätzung meinerseits und damit habe ich jetzt genug gesagt.

Okay, dann lassen wir Vergangenheit und Gegenwart mal ruhen und wenden uns der weiteren Zukunft der Pornografie zu. Wie schätzt Du speziell aus weiblicher Sicht die Zukunft des Genres ein und was erwartest Du?

In zwei Worten, virtuelle Interaktivität. Sieh’ mal, wir haben vor zwei Jahren die ersten 3D Filme gesehen. Es war eine logische Weiterentwicklung der Technologie und erweitert das Erlebnis des Users. Nun sind wir mitten in der Anwendung, und obwohl wir uns von der geschäftlichen Sichtweise voll auf das hier und jetzt konzentrieren müssen, sehe ich immer zwei bis vier Jahre voraus. Jeder in der Industrie weiß, dass die neue Technik einen enormen Druck auf unsere immer noch klassisch ausgerichteten Finanzierungsmodelle hat. Aber jeder in der Industrie weiß auch oder sollte zumindest die wichtige Tatsache nicht außer Acht lassen, dass Menschen stets auf der Suche nach sexuellen Erlebnissen und Erfahrungen sind. Unser Job und unsere Aufgabe ist, immer neue Wege zu finden, das Verlangen danach zu stillen. Wenn sich also die Technik weiter entwickelt, müssen wir einen Weg finden, wie wir uns diese in unserer Welt zunutze machen können und für unsere Produkte verwenden können. Diese erweiterte Erfahrung, damit wir noch viel größer werden, je spezifischer wir die individuellen User ansprechen können, wobei es keine Rolle spielt, ob es sich nun Männer oder Frauen handelt. Das Internet erlaubt jedem sich einzuloggen und Inhalte nach seinem Vorlieben zu finden. Neue Technologien werden eine noch größere Einzigartigkeit für jeden gewährleisten, in dem sie ein mehr fühlbares, virtuelles Erlebnis bieten.

Kelly Holland FotoIch fürchte wir müssen wohl langsam zum Ende kommen. Wenn über Frauen und Pornografie gesprochen wird, verbinden Künstler wie Regisseure dies in ihren Filmen und Kunstwerken oftmals mit einer politischen Aussage. Was meinst Du zum Thema Porno und Politik? Siehst Du Pornografie selbst heute noch als Provokation für die Gesellschaft an, der zugleich eine künstlerische Freiheit bietet?

Ich bin froh, dass Du den Begriff Provokation verwendet hast. Denn das genau sind wir: Provokateure. Pornografie ist, vermutlich, das ultimative, radikale und provokative Statement, das man geben kann. Es puscht und stößt in unsere eng bewachten Traditionen und Tabus hinein und im Herzen von vielen dieser Traditionen liegt die kontroverse Frage nach den sexuellen Rechten der Frau begraben. Wir sehen es doch ständig um uns herum in unseren Religionen wie Kulturen. Egal, ob es nun um die Rechte der Frau in einigen unserer Gesellschaften oder Religionen geht, dreht es sich doch vielfach darum wen sie heiraten soll, mit wem sie Sex haben soll oder überhaupt dazu auswählen soll und vieles mehr. Aber am meisten bedrohlich scheint es vielfach zu sein, wenn eine Frau darauf besteht, dass sie in einer Beziehung den gleichen Anspruch auf sexuelle Befriedung haben will. Die Aussage, die vorher gemacht habe, nämlich “Mein Körper, meine Regeln” sorgt immer noch für Kontroversen. Man mag denken, dass ich diese Streitfrage für moderne Großstadt-Frauen überdramatisiere, aber das legt sich ziemlich schnell, wenn man mit einer Gruppe von Ihnen zum Abendessen ausgeht und dann immer wieder herausfindet, wie viele von ihnen doch immer noch einen Orgasmus vortäuschen.

Ich würde das liebend gerne noch weiter mit Dir diskutieren, aber ich sehe schon, dass Deine nächsten Termine und Gesprächspartner ungeduldig warten. Die letzte Frage soll daher die sein, ob Du mit der Aussage übereinstimmst, dass Männer und Frauen Pornos aus einer anderen Perspektive betrachten und unterschiedliche Vorlieben haben?

Ich habe schon mehr als einmal Männer beobachtet, wenn sie sich Pornos ansehen. Frage mich jetzt aber nicht wo und warum. Männer gehen nach dem Äußeren. Der Blick von ihnen ist starr und die Augen gläsern. Ich habe aber auch schon genauso Frauen beobachtet, die sich Pornofilme ansehen, und frage mich auch in diesem Fall nicht wo und warum. Aber sie schließen oft ihre Augen und lassen sich von den Geräuschen leiten. Der Soundtrack scheint sie dabei als Thema für ihre eigenen Fantasien zu fungieren. Also ja, sehr unterschiedlich aber das trifft in beiden Fällen nicht ausschließlich auf die Filme zu, die wir machen.