Im Glaskäfig

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Im Glaskäfig ist ein weiteres Juwel der Filmgeschichte, welches außergewöhnlich verstörend auf den Betrachter einwirkt. Das lange verschollene Werk setzt dabei jedoch keinesfalls auf plakative Gore- und Splatter Momente oder gar schockierende Impressionen a la „Salo – Die 120 Tage von Sodom“. Denn im Gegensatz zu Pasolinis Film, der vielfach als Vergleich zitiert wird, fesselt In a glass cage, so der Originaltitel, mit seiner subtilen Erzählweise und den kühl inszenierten Bildern. Das Grauen der dramatischen Geschichte offenbart sich nur Schritt für Schritt aber dafür dann gleich umso erschreckender.

Im Glaskaefig DVD Cover von Bildstörung Im Glaskäfig reiht sich nahezu in perfekter Weise in die Reihe der bisherigen DVD-Veröffentlichungen von Bildstörung ein. Das deutsche Label hat sich dankenswerterweise das Ziel gesetzt, lange umstrittene und schockierende Werke (u.a. La Bete und Ein Kind zu töten…) der Filmgeschichte neu auf DVD zu veröffentlichen. Da es sich bis jetzt um künstlerisch-anspruchsvolle Filme handelt, die in hochwertigen und liebevoll aufgemachten DVD-Editionen erscheinen, ist das Anliegen des Labels noch unterstützenswerter.

In dem 1986 entstandenen Werk Im Glaskäfig erzählt der spanische Regisseur Agusti Villaronga eine dramatische Geschichte, in deren verhängnisvollem Verlauf es gleich um mehrere Tabuthemen geht. Diese beginnen bei den Hauptpersonen, u.a. in Form eines KZ-Arztes, und vollziehen sich über die qualvollen Beziehungen zwischen Tätern und Opfern bis hin zu Sadismus und Kindesmissbrauch.

Im Glaskäfig beginnt mit dem Blick auf die Leiche eines Jungen durch die Augen seines Mörders. Dabei handelt es sich um Klaus (Günther Meisner), der ein ehemaliger KZ-Arzt ist. Nachdem er sich im KZ an Kindern vergangen und grauenhafte Experimente durchgeführt hat, ist er nach Kriegsende mit seiner Familie ins spanische Exil geflüchtet. Doch auch dort kann er sich seinem Trieb und seiner Veranlagung nicht entziehen und missbraucht und ermordet weitere Kinder.
Doch nach dem Mord zu Beginn, kann er seine Taten und die damit verbundene Schuld nicht mehr ertragen. Er beschließt seinem Treiben mit einem Selbstmord ein Ende zu setzen. Allerdings scheitert sein Versuch und er überlebt schwer verletzt den Sprung von einem Häuserdach. Von da an ist er komplett gelähmt und wird von einer sogenannten „eisernen Lunge“ am Leben erhalten.
Seine Frau Griselda (Marisa Paredes) ist mit der Pflege ihres Mannes und der selbst gewählten Isolation der Familie schnell völlig überfordert. Sie sehnt sich nach Hilfe, die sich eines Tages in Form des jungen Angelo (David Sust) anbietet. Angelo bietet sich und seine Dienste als persönlicher Pfleger von Klaus an. Griselda übt zwar berechtigte Zweifel, gibt aber nicht zuletzt aus Eigennutz dem Drängen Angelos probehalber nach. Während es zwischen Angelo und Griselda zunehmend zu Konfrontationen kommt, versteht sich die etwa 10-jährige Tochter Rena umso besser mit dem „Pfleger“.
Mittels eines Tricks findet Griselda heraus, dass Angelo keine medizinische Ausbildung hat, aber nicht warum er ihren schwerstbehinderten Mann unbedingt betreuen will. Allerdings ist es zu diesem Zeitpunkt schon zu spät, denn während Angelo sich verändert und zunehmend aggressiv die Kontrolle im Haus übernimmt, verliert Griselda die selbige. Als sie Angelo in letzter Konsequenz vor die Tür setzen will, bezahlt sie dies mit ihrem Leben. Rena ist inzwischen vollständig von Angela abhängig, sodass er sich später noch ungehindert des Dienstmädchens entledigen kann. Nun hat Angelo freie Bahn sein teuflisches Vorhaben mit Klaus in die Tat umzusetzen, was er mit unerbittlicher Konsequenz umsetzt.

Die Gründe für Angelos folgende, nicht minder grausame Taten werden von Agustí Villaronga in bestechenden Bildern enthüllt. Sie erklären später auch sein Verhältnis zu Klaus und mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.
Vielleicht noch, dass das Haus der fast einzige Schauplatz des Films bleibt und die beklemmende, kühle Atmosphäre der isolierten „Familien“-Welt noch verstärkt.
Genauso, wie die verwendeten und stark vordringenden Farben, in Form von Blau und Grün, die im Zusammenspiel mit dem langsamen Erzählrhythmus und eleganten Bildern einer sehr, sehr düsteren Studie gleichen und stilistisch durchaus an den ein oder anderen italienische Giallo erinnern.

Im Glaskäfig eröffnet einen abgrundtiefen Blick in die menschliche Psyche, wie er grausamer nicht sein könnte. Im Gegensatz zum angesprochen „Saló – Die 120 Tage von Sodom“ von Pasolini ist Faschismus in Villarongas Werk nur der Auslöser für das Verhältnis von Täter und Opfer, sowie deren spätere Umkehrung des Täter-Opfer-Verhältnis und Fortsetzung der verwerflichen Taten.

Entsprechend ist Im Glaskäfig alles andere als einfach und nicht jedermanns Sache noch Geschmack. Denn neben dem Faschismus-Aspekt belegt dieser Film äußerst eindrucksvoll und drastisch, welche Spuren sexueller Missbrauch und Gewaltausübung, bei Tätern wie Opfern, hinterlassen. Damit wären auch die beiden weiteren Tabus des Films genannt. So verwundert es wenig, dass Villarongas Film hinsichtlich der Thematik und der drastischen Darstellung von Gewalt gegen Minderjährigen immer wieder für Kontroversen und Zensur-Diskussionen sorgte. Dies reichte sogar bis zu körperlichen Angriffen auf den Regisseur und Polizei-Einsätze bei Vorführungen. Dennoch ist Im Glaskäfig alles andere als der vielfach titulierte Skandalfilm, plakative Schocker noch mit den reißerischen Naziploitation-Filmen aus den 70er-Jahren zu vergleichen.
Villaronga verknüpft für seine Geschichte einfach reale Begebenheiten aus dem KZ mit der fiktiven Geschichte eines Pädophilen. Dies verstört jedoch auch noch 20 Jahre später beim Betrachten und regt mehr als eindringlich zum Nachdenken an. Zugleich zeigt der Film in erschreckender Deutlichkeit, wie und warum Gewalt immer Gegengewalt erzeugt und das die Protagonisten aufgrund der erlittenen Traumata aus ihren (teils selbst) erschaffenen „Gefängnissen“ nicht mehr ausbrechen können.

Das Kinodebüt des aus Mallorca stammenden Regisseurs Agustí Villaronga so eindrucksvoll funktioniert, liegt neben der Inszenierung auch an den guten Darstellern, wie Marisa Paredes. Aufgrund der zahlreichen Auftritte in den Filmen von Pedro Almodóvar zählt sie hier sicherlich zu den bekanntesten Gesichtern und vollzog mit ihrer Rolle mehr als eindrucksvoll den Wechsel ins dramatische Fach. David Sust kam dagegen eher zufällig ins Spiel und war nur noch in zwei weiteren Filmen zu sehen.
Günter Meisner, ein bekannter deutscher Bühnenschauspieler und 1994 verstorben, ist hier ein ums andere Mal als Nazi-Bösewicht zu sehen. Ein Rolle, die er seit einem Auftritt als Statist 1957 nicht mehr loswerden sollte, was seine schauspielerische Klasse keinesfalls schmälert.

Es gäbe an dieser Stelle noch vieles zu ergänzen … Nicht zuletzt auch, dass es der öffentlichen Fürsprache und Empfehlung von Trashfilm-Ikone John Waters vor einigen Jahren zu verdanken ist, dass die dieser Film zuerst in den USA wieder auf die Leinwand kam.
Und natürlich auch an Bildstörung, die in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur sein Werk in sehr guter Bild- und Ton-Qualität auf DVD veröffentlicht haben. Neben einem ausführlichen Audio-Kommentar des Regisseurs, gibt es auch noch ein interessantes Interview mit Agustí Villaronga, welches im Zuge der DVD-Veröffentlichung aufgenommen wurde. In diesem berichtet er über die teils schwierigen Dreharbeiten, Szenen mit den Kindern, die Schauspieler und Probleme vor und nach den Dreharbeiten. Abgerundet wird der mehr als positive Gesamteindruck der ungekürzten DVD mit einem Storyboard-Vergleich, einer kommentierten Bildergalerie, dem Original Trailer und einem alternativen Anfang, sowie einem informativen 16-seitigen Booklet.

Das künstlerische Psycho-Drama über Schuld und Sühne hinterlässt nicht nur bei den Protagonisten im Film tiefe und weitreichende Folgen. Nein, auch beim Zuschauer erweist Im Glaskäfig als unbequemer und kontroverser Film. So mutig damals die Inszenierung von Agustí Villaronga war, so mutig muss der Zuschauer beim Betrachten sein: Denn dieser Film ruft selbst bei erfahrenen Filmfans heftige Reaktionen und beunruhigende Eindrücke hervor, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Eine extreme Filmerfahrung, wie man sie in diesem Ausmaß heute kaum mehr findet und zarten Gemütern genauso wenig zu empfehlen ist wie den eingefleischten Gorehounds.

Ein zu Unrecht vergessener „Skandal“-Film“, der in und mit bemerkenswerter Weise zu sehen ist und dabei dem Zuschauer in jeglicher Konsequenz so einiges abverlangt.


Im Glaskäfig

Originaltitel / Alternativtitel: „Tras el cristal“, „In a glass cage“
Genre: Spielfilm, Drama, Horror
Land / Jahr: Spanien 1986 (Deutschland 2009)
Laufzeit: ca. 107 Min.
Studio / Vertrieb: Bildstörung
Regie: Agustí Villaronga
Darsteller: Günter Meisner, David Sust, Marisa Paredes, Gisèle Echevarría, Imma Colomer, Josue Guasch, David Cuspinera, Ricardo Carcelero, Alberto Manzano, u.a.
Format (Bild + Ton): DVD, PAL 16:9, DD 2.0 Spanisch mit dt. Ut
Extras: Audiokommentar und Interview mit Agusti Villaronga, Bildergalerie, Trailer, Booklet

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ist der Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von German-Adult-News.com. Neben der Tätigkeit für GAN ist Tom auch noch als freier Texter und Redakteur für andere Blogs, Online-Shops und Magazine (On- und Offline) aktiv. Die Themen-Bandbreite reicht dabei von Entertainment & Medien bis hin zu E-Commerce. Geboren und wohnhaft im Herzen des Ruhrgebiets ist Tom seit vielen Jahren glücklich verheiratet und stolzer Vater.